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„Forschungsergebnisse sind keine Selbstläufer"
Meinungsbeitrag von Dr. Marion Mehring (Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und Mitglied im NBS-Wissenschaftsforum)
Um das Thema Biodiversität ist es etwas stiller geworden in den Medien. Doch weil andere Krisen in der Welt die Nachrichtenlage dominieren, ist der Verlust der Artenvielfalt nicht gestoppt. Die negativen Trends, wie wir sie erstmals umfassend 2024 im „Faktencheck Artenvielfalt“ auch explizit für Deutschland dargelegt haben, überwiegen. Deshalb bleibt es eine dringliche Aufgabe, das Thema Biodiversitätsverlust zurück auf die politische Agenda zu bringen. Mehr noch: Das Thema muss – zusammen mit dem Klimawandel, mit dem er eine „Zwillingskrise bildet“ – an die Spitze dieser Agenda gelangen, denn es geht um viel. Um nicht zu sagen, um alles: In einer Zukunft ohne Artenvielfalt und funktionierende Ökosysteme können wir als Gesellschaft nicht überleben.
Dass Biodiversität existenziell ist, ist also nicht neu. Und für die Details hat die Biodiversitätsforschung der letzten Jahrzehnte umfänglich Ergebnisse geliefert. Dennoch stehen wir vor einem Biodiversitätsverlust eines nie dagewesenen Ausmaßes. Wo also liegt das Problem? Warum konnte der enorme Wissenszuwachs über naturwissenschaftliche Zusammenhänge, den die internationale Biodiversitätsforschung in den letzten Jahren hervorgebracht hat, den Verlust der Artenvielfalt und seine Mechanismen bisher nicht stoppen? Dieser selbstkritischen Frage muss sich auch die Biodiversitätsforschung dringend stellen.
Ich denke, wir haben die Wirksamkeit von Forschungsergebnissen auf gesellschaftliche Debatten und politische Entscheidungen nicht richtig eingeschätzt. Forschungsergebnisse sind keine Selbstläufer. Wir müssen uns künftig noch stärker damit beschäftigen, wie wir wissenschaftliches Wissen vermitteln. Und: Biodiversitätsforschung muss sich noch viel stärker darum bemühen, relevantes Handlungswissen für Gesellschaft und Politik zur Verfügung zu stellen und zu kommunizieren. Im Kern geht es darum, zu verstehen, wer eigentlich welches Wissen braucht, um Veränderungen herbeizuführen. Hier kommt die sozial-ökologische Biodiversitätsforschung ins Spiel, die uns eine breitere Perspektive ermöglicht, weit über naturwissenschaftliche Fragen hinaus. Weil sie nach gesellschaftlichen Aspekten fragt, nach Motiven und Barrieren von Verhaltensveränderungen. Ich bin überzeugt, wenn wir eine Trendwende herbeiführen wollen, müssen wir Biodiversitätsschutz viel stärker in unser Alltagshandeln, aber auch das wirtschaftliche Handeln integrieren.