Genetische Vielfalt in der Landwirtschaft
Diagramm

Grafik: BfN (2010), Daten: BLE (2010)
Kurzfassung
| Themenfelder der NBS | B 1.1.4 Genetische Vielfalt von wildlebenden und domestizierten Arten, B 2.4 Landwirtschaft, C 2 Artenschutz und genetische Vielfalt, C 6 Land- und Forstwirtschaft |
|---|---|
| Definition | Der Indikator gibt Auskunft über das Ausmaß der Gefährdung genetischer Ressourcen in der Landwirtschaft am Beispiel der fünf wichtigsten Nutztierarten (Pferd, Rind, Schwein, Schaf und Ziege). |
| Gemessene oder beobachtete Größe | Prozentualer Anteil gefährdeter einheimischer Nutztierrassen der Pferde, Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen |
| Letzter berichteter Wert | 83 % (Stand: 2010) |
| Ziel/Zielwert | Gefährdete Nutztierrassen sind zu sichern. Das Ausmaß der Gefährdung der Nutztierrassen soll insgesamt verringert werden. |
| Status | n.v. |
| Trend | n.v. |
| Kernaussage | Der Anteil gefährdeter einheimischer Rassen (BEO, ERH, PERH) ist im Jahr 2010 mit etwas mehr als 83 % sehr hoch. Es müssen gezielt Maßnahmen zur Verringerung der Gefährdungssituation ergriffen werden. |
| Indikatorensystem | SEBI |
Einführung

Merinofleischschafe © Ddxc
Die moderne Tier- und Pflanzenzucht konzentriert sich auf wenige Leistungsrassen der Nutztiere und ertragreiche Pflanzensorten, um sich den heutigen Marktanforderungen anzupassen. Diese Entwicklung hat zur Folge, dass die genetische Vielfalt der genutzten Pflanzen- und Tierressourcen weltweit rapide abnimmt. Auch in Deutschland verringert sich der Anteil traditioneller Kulturpflanzensorten, so genannter Hof- und Landsorten. Ebenso werden bei den Nutztieren die einheimischen, oft regionaltypischen Rassen durch wenige, auf hohe Leistung und weltweite Nutzung gezüchtete Rassen verdrängt. In der aktuellen deutschen Roten Liste der bedrohten Nutztierrassen werden von den 65 einheimischen Rassen der Arten Pferd, Rind, Schwein, Schaf und Ziege 54 als „gefährdet“ bzw. „zur Beobachtung“ eingestuft. Mit dem Verlust dieser pflanzen- und tiergenetischen Vielfalt verarmen die historisch gewachsenen Kulturlandschaften und es geht ein für die Züchtung bedeutendes genetisches Potenzial verloren. In der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt wird daher die Erhaltung und nachhaltige Nutzung der regionaltypischen genetischen Vielfalt von Nutztierrassen und Kulturpflanzensorten angestrebt.
Bund, Länder und weitere Beteiligte haben daher im Sektor der landwirtschaftlichen Nutztierrassen das „Nationale Fachprogramm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung tiergenetischer Ressourcen in Deutschland“ entwickelt, welches 2003 von der Agrarministerkonferenz verabschiedet wurde (Neuauflage: BMELV 2008). Es dient als Leitlinie für ein abgestimmtes Zusammenwirken aller Beteiligten. Die Maßnahmen des Fachprogramms beziehen sich derzeit auf Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen, Pferde, Kaninchen sowie landwirtschaftlich genutzte Geflügelarten.
Der Begriff „einheimisch“ wird im Tierzuchtgesetz (§3 Abs. 4) definiert: „Einheimisch ist eine Rasse, für die auf Grund in Deutschland vorhandener Tierbestände erstmals ein Zuchtbuch begründet worden ist und seitdem oder, sofern die Begründung weiter zurückliegt, seit 1949 in Deutschland geführt wird. Eine Rasse kann ferner von der zuständigen Behörde als einheimisch anerkannt werden, soweit das Zuchtbuch nicht erstmals in Deutschland begründet worden ist, aber für diese Rasse 1. nur noch in Deutschland ein Zuchtbuch geführt und ein Zuchtprogramm durchgeführt wird oder 2. mindestens seit 1949 auf Grund dort vorhandener Tierbestände in Deutschland ein Zuchtbuch geführt und ein eigenständiges Zuchtprogramm durchgeführt wird.“
Definition
Der Indikator „Genetische Vielfalt in der Landwirtschaft“ gibt Auskunft über das Ausmaß der Gefährdung genetischer Ressourcen in der Landwirtschaft. Er fasst hierfür die Angaben zur Gefährdung der fünf wichtigsten Nutztierarten (Pferd, Rind, Schwein, Schaf und Ziege) zusammen. Datengrundlage ist die Einstufung der Rassen in Rote-Liste-Kategorien nach der Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutztierrassen in Deutschland. Im Nationalen Fachprogramm zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung tiergenetischer Ressourcen in Deutschland wurden dazu vier Rote-Liste-Kategorien definiert, die ein System abgestufter Gefährdungsgrade bilden.
Die Bundesregierung strebt in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt an, dass gefährdete Nutztierrassen zu sichern sind. Die Gesamtzahl der einheimischen Nutztierrassen soll nicht sinken. Hieraus ergibt sich als Ziel, das Ausmaß der Gefährdung der Nutztierrassen insgesamt zu verringern.
„Die regionaltypische genetische Vielfalt von Nutztierrassen und Kulturpflanzensorten bleibt erhalten, wird nachhaltig genutzt, bleibt als Lebens- und Zuchtgrundlage verfügbar und bereichert das Landschaftsbild sowie die landwirtschaftliche und gartenbauliche Produktpalette.“ (BMU 2007: 30)
Aufbau
Der Indikator stellt eine national modifizierte Form des europäisch abgestimmten SEBI 2010-Indikators „Livestock genetic diversity“ dar. Als Datengrundlage dienen die von den Züchtervereinigungen und herdbuchführenden Stellen zur Verfügung gestellten Bestandszahlen für die einzelnen Nutztierrassen die vom Informations- und Koordinationszentrum Biologische Vielfalt (IBV) der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) in der Zentralen Dokumentation Tiergenetischer Ressourcen in Deutschland (TGRDEU) zusammengeführt werden. Für die Berechnung des Indikators wird die Einstufung der Rassen in die Rote-Liste-Kategorien der Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutztierrassen in Deutschland ausgewertet (BLE 2010).
Als Maß für die Gefährdung einer Rasse dient die effektive Populationsgröße. Die effektive Populationsgröße gibt den Verlust der genetischen Vielfalt (pro Generation) innerhalb der betrachteten Population wieder. Dieser Wert kann mit verschiedenen Berechnungsmethoden ermittelt werden, die je nach Situation der einzelnen Rasse stark unterschiedlich ausfallen können. Die letztendliche Einteilung in die Gefährdungskategorien wird derzeit vom Fachbeirat für tiergenetische Ressourcen des BMELV vorgenommen. Es werden vier Rote-Liste-Kategorien unterschieden: (1) Phänotypische Erhaltungspopulationen (PERH): Diese Rassen können aus tierzuchtwissenschaftlicher Sicht nur noch als Rudimente verstanden werden, der kulturelle Wert solcher Rassen ist jedoch unbestritten; (2) Erhaltungspopulationen (ERH): stark existenzgefährdete Populationen; (3) Beobachtungspopulationen (BEO): gefährdete Populationen; (4) nicht gefährdete Rassen.
Der Indikator zeigt den prozentualen Anteil gefährdeter einheimischer Rassen der Pferde, Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen. Dabei kann sich die Gesamtzahl der bilanzierten Rassen über die Zeit verändern, wenn neue Rassen hinzutreten oder Rassen aussterben. Der Indikator soll künftig regelmäßig fortgeschrieben werden.
Aussage
Der Indikator zeigt, dass der Anteil gefährdeter einheimischer Rassen der Pferde, Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen im Jahr 2010 mit etwas mehr als 83 % sehr hoch ist. Dennoch ist es als positiv zu sehen, dass im betrachteten Zeitraum keine einheimische Großtierrasse in Deutschland ausgestorben ist. Der leichte Anstieg beim Gefährdungsanteil zwischen 2006 und 2010 ist auf die Neubeschreibung zweier einheimischer Rassen zurückzuführen, die als gefährdet eingestuft wurden. Innerhalb der Gefährdungsstufen lässt sich eine leichte Verschiebung in Richtung geringerer Gefährdung ablesen. So konnte durch die Erhaltungsprogramme der letzten 10 Jahre erreicht werden, dass sich der Anteil der als Phänotypische Erhaltungspopulationen eingestuften Rassen um rund 4 % reduzierte.
Der Handlungsbedarf unterscheidet sich bei den verschiedenen Nutztierarten deutlich. So spielt beispielsweise bei Rindern das Vermarktungspotenzial von Produkten aus einheimischen Rassen bereits eine wichtige Rolle. In der Schafhaltung gibt es hingegen noch größere Probleme, durch die Vermarktung rassetypischer Produkte die Erhaltung einzelner Rassen substanziell abzusichern. Zusätzlich steht hinter dem gleichbleibend hohen Anteil gefährdeter Schafrassen eine starke Abnahme der Schafhalter und der Gesamtschafpopulation in Deutschland. Somit bleibt die Herausforderung, artspezifisch für eine nachhaltige Nutzung und langfristige Erhaltung der einheimischen Rassen zu sorgen.
Die Situation in der Tierzucht ist nur in sehr eingeschränktem Maße auf andere Sektoren genetischer Ressourcen in der Landwirtschaft übertragbar. Deshalb wird derzeit an der Entwicklung weiterer spezifischer Indikatoren vor allem zur Kennzeichnung der Situation in der Pflanzenzüchtung gearbeitet, um künftig ein umfassendes Bild über die genetische Vielfalt in der Landwirtschaft zu erhalten.

